„ausgepackt“ – Goral zeichnet und malt präzise

24. September 2025 Suzanne Wood

Von Suzanne Wood

Weit mehr als 100 Kunstinteressierte machten sich auf den Weg nach Neuheilenbach und folgten der Einladung „ausgepackt – Ein Sonntag mit Kunst von Andi Goral“. Menschen von vor Ort, aus der Region und aus ganz Europa reisten in die Eifel: München, Wien, London oder Manchester. Sie erlebten eine Reise durch mehr als 30 Jahre Zeichnung, Malerei und Kalligrafie.

20 Jahre kein Licht

Vor dem Atelier stand eine große Holzkiste mit der blauen Aufschrift „ausgepackt“. Drinnen: Eine Dose mit Münchner Weißwürsten. Die Story zur Holzkiste: 1998 mietete Andi Goral einen Atelierraum bei einem befreundeten Künstler in der ehemaligen Kölner Hagen Batteriefabrik an. Dann kam es zu einer dramatischen Situation. Im Raum auf der anderen Seite des Flurs brannte es und die Arbeiten des Künstlerfreundes wurden vollständig vernichtet. Gorals Bilder blieben unversehrt, aber der Gebäudeteil an der Rolshover Straße in Köln-Humboldt-Gremberg, in dem sich sein Atelierraum befand war nicht mehr nutzbar. Der Zeichner und Maler packte seine Farben, Öle, Pinsel, Pigmente und Bilder zusammen. In einer Halle des Spediteurs Ilies Transport in der Remscheider Straße in Köln-Kalk mietete er eine Holzkiste und lagerte die Bilder und sein Ateliergut ein. Zwischenzeitlich transportierte der Spediteur die Holzbox mit den Bildern in eine gigantische Lagerhalle nach Köln-Porz. Die Bilder – die zwei Jahrzehnte in absoluter Dunkelheit aufbewahrt wurden – zogen an einem sonnigen Tag aus der Kölner Holzkiste nach Neuheilenbach in der Eifel um. Seit 2025 – 7 Jahre nach dem Umzug – malt und zeichnet Andi Goral in seinem neuen Atelier und packt aus.

Das Nordlicht-Atelier

Das neue Atelier verfügt über Nordlicht. So wie es sich für ein gutes Atelier ziemt. Dass sich hier einmal eine Werkstatt befand und ein Lkw parkten, sieht den Räumlichkeiten heute niemand mehr an. Die Besucher:innen zeigten sich beeindruckt von den neuen Räumen und dem Licht. Viele der Interessierten sind noch nie mit dem Werk von Andi Goral in Berührung gekommen. Der bot daher eine Rückschau auf 30 Jahre Zeichnung, Malerei und Kalligrafie.

Den Anfang markierten die 1990 entstandenen Radierungen aus dem Augsburger Schlachthof. Unvermittelt und vor Ort waren die Zeichnungen auf den Stahlradierplatten entstanden. Beeindruckende Porträts von Schlachtern und Tieren vermitteln emotionale Eindrücke von der industriellen Fleischproduktion in einem Europa-Schlachthof, der es heute so nicht mehr gibt. Monatelang radelte der Künstler jeden Morgen in Herrgottsfrühe, wie es in Bayern heißt, in die Proviantbachstraße. Um neun Uhr war für die meisten der Mitarbeitenden im Augsburger Schlachthof das Tagwerk vollbracht und sie gönnten sich eine frisch gebrühte Weißwurst. Daran erinnerte eine Dose Münchner Weißwürste, die die Ausstellung der Radierungen aus dem Augsburger Schlachthof flankierte. Die gesamte Mappe mit den Radierungen umfasst rund 50 Blätter.

Aktzeichnungen

Diese Radierungen und Zeichnungen fanden sich in der Holzkiste vor dem eigentlichen Atelier. Wer den Blick dort nach rechts wandte, konnte Aktzeichnungen mit Tusche oder Bleistift aus der Kölner Phase betrachten. Die Aktzeichnungen Gorals zeigen seine Meisterschaft und Beherrschung von Form und „nerviger“ Zeichnung. Was Goral hier tuscht oder mit Bleistift von hauchdünnem Strich bis zu grafisch dominierendem Strich bis fast zur Zerstörung des Trägermaterials Papier zeigt, sucht seinesgleichen. Eine Besucherin stellte fest, dass die Zeichnungen – deren Ziel es nicht ist, in der Umrisszeichnung oder Licht/Schatten-Anmutung zu verharren – die körperliche Anspannung der Modelle nachempfinden. Zugleich vermitteln sie in ihrer Spontaneität, die Leichtigkeit der Feder- und Bleistiftführung durch den Zeichner.

Wandmalerei in einem Schwimmbad

Die Besucher:innen konnten den Originalentwurf einer Wandmalerei von Andi Goral sehen. 1990 fertigte der damals noch sehr junge Künstler für zwei Wände in einer Villa in Buch am Ammersee zwei riesige Wandgemälde an. Eine stilisierte „Italienische Landschaft“, wie sie in der Toskana oder Umbrien zu finden ist, weitet den Blick im Keller der Villa ins Unendliche einer hügeligen italienischen Landschaft. Das besondere Verfahren ermöglichte eine Malerei mit Aquarellfarbe, da Fresco-Malerei oder Fresco-Secco-Malerei aufgrund der baulichen Gegebenheiten nicht möglich war.

Aquarelle von Mali Losinji, Umbrien, Toskana, Peleponnes und Ahrenshoop

Um den roten Faden wieder aufzunehmen: Immer wieder widmet sich Andi Goral der Plein-Air-Malerei vor Ort. Mit Aquarellfarben, Gouachefarben oder Tempera ausgestattet zieht es ihn vor Ort, um dort unvermittelt zu aquarellieren und zu zeichnen. Zwei Studienreisen zogen ihn auf die Insel Mali Losinij im damaligen Jugoslawien. Zahlreiche Aquarelle entstanden berauscht vom Süden und unter den Eindrücken der Farbmalerei von den Malern der Tunisreise Paul Klee und August Macke, die den damals jungen Goral inspirierten. Dies gilt zudem für die Studienreisen in die Toskana und nach Umbrien. In der Ausstellung zu sehen Aquarelle aus Italien.

Ölbilder vom Peleponnes und aus Köln

Aus seinem mehrmonatigen Studienaufenthalt im südlichen Peleponnes in Griechenland brachte Goral zahlreiche Zeichnungen, Aquarelle, Farbmalerei auf Papier und Ölbilder mit. Zwei Ölbilder stellte er den Interessierten der Ateliereröffnung vor. Sie zeigen seinen Weg in eine zunehmende Abstraktion. Sie sind so farbig wie der Süden. In Köln kam das Weiß und Grau in Gorals Malerei zurück. Am Rhein ist es oft diesig und die klaren Tage sind rar. Immer ist den Farben Weiß beigemischt. Das große Ölbild von Menschen auf dem Gelände der Hagen-Batteriefabrik sorgte für viel Diskussion bei den Besucher:innen. Während die einen es aufgrund seines Abstraktionsgehalts und für seine Unfarbigkeit als „hässlich“ ablehnten oder nichts darauf erkennen konnten, zeigten sich andere Besucher:innen begeistert und lobten das Bild als besonders gelungen. Daneben der Mann mit Fisch. Ein Porträt aufs Äußerste reduziert mit Mut zur weißen Leinwand.

Die Kombination aus Lackfarbe und Bleistift auf Papier zeigten die Interpretationen von Shakespeares Rachestück „Titus Andronicus“. Hier gab es zudem den ersten Hinweis auf den Kalligrafen Andi Goral.

Der Atelierraum gab einen ersten Impuls in die Zukunft der Malerei Gorals mit zwei Aquarellen vom Weststrand zwischen Ahrenshoop und Prerow. Sie unterscheiden sich deutlich von der Farbigkeit um der Farbigkeit willen etwa der Aquarelle aus Jugoslawien. Sie sind präzise und beschäftigen sich intensiv mit der Frage nach der Zweidimensionalität des Papiers und der räumlichen Fake-Tiefendarstellung wie sie aus den Werken der Renaissance bekannt sind. Goral stellt diese zunehmend in Frage. Auf den Bretterböden eines alten Küchenschrankes malte Goral drei Windflüchter an der Steilküste von Dranske auf Rügen. Dynamisch und flächig gestaltet sich der durchbrochene Malraum. Präzise ohne dicken oder übermalten Farbauftrag zeigt sich die Könnerschaft in formaler und farblicher Ausgestaltung.

Grafik und Kalligrafie

Das grafische Werk Gorals zeigte sich im hellgelben Zimmer. Goral zeigte dort sein Können in Kalligrafien, die in Capitalis Quadrata, Unziale, Halbunziale, Karlingischer Minuskel, Humanistischer Kursive und freiem Handlettering geschrieben sind. Die Arbeit Macbeth zeigte sich am Ende des roten Fadens, der zugleich der Anfang sein könnte. Die ersten beiden Büttenbögen zeigen deutliche Rußspuren vom Brand des Ateliers in der ehemaligen Kölner Hagen-Batteriefabrik. „Macbeth“ von William Shakespeare ist freigeschrieben und mit zahlreichen Ei-Tempera-Illustrationen versehen. Ein Besucher war so fasziniert, dass er alle Texte las. Zudem gab es das grafische Werk des Editorial Designers Andi Goral und Kalligrafien für die Bundesregierung zu sehen.

Die Vielfältigkeit und die Qualität des Werkes fand großen Anklang bei den Besucher:innen der Atelier-Eröffnung von Andi Goral.

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